Fränkischer Friedhof unter dem Insheimer Neubaugebiet

Übersichtplan der in den Trassen dokumentierten archäologischen und übrigen Befunde (braun: Merowingergräber; gelb: Kreisgräben um die Gräber; rot: vorgeschichtliche Siedlungsgrube)
Übersicht über die Erschließungstrassen und ihr archäologisches Potential (rot: Bereiche ohne archäologische Befunde; blau: Bereiche mit archäologischen Befunden).
Vorplanung des Grabungsablaufes in den Bauplätzen (wird ggf. noch bei Bedarf geringfügig geändert oder den Bauplanungen angepasst…).

Erster Vorbericht zu den Ausgrabungen im Neubaugebiet „Ober den Baumäckern“ in Insheim

Als der Baubagger beim Abschieben der Erschließungstrassen im Neubauareal „Ober den Baumäckern“ am nördlichen Ortsrand von Insheim – schon fast am Ende der ringförmigen Trassen angelangt – plötzlich im weichen Lössboden über etwas Hartes schrabbte, schaute der Baggerfahrer genau hin – zum Glück, denn er hatte gerade mit seiner Schaufel die Schädel und auch erste Knochen zweier menschlicher Skelette angekratzt. Sofort wurden umsichtig die Arbeiten eingestellt und die Polizei sowie die Speyerer Außenstelle der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie, benachrichtigt.

Grabungstechniker Bernd Fischer, der bald darauf zur Begutachtung der Funde eintraf, konnte feststellen, dass es sich nicht etwa um kürzlich ermordete und hier verscharrte moderne Menschen, sondern offenbar um zwei Gräber aus der Merowingerzeit oder fränkischen Epoche (5. bis 7. Jhd. n. Chr.) handelte. Und sie waren nicht alleine – im Bereich der Trassen beobachtete Fischer etwa 40 verdächtige dunkle Rechtecke, die sich im helleren Lösslehmboden mal gut, mal schlechter abzeichneten. Damit war klar: Hier befindet sich ein merowingerzeitlicher Friedhof. Die Friedhöfe dieser Zeit, das ist nicht zuletzt aus der Pfalz gut bekannt, wo es in den letzten 20 Jahren eine ganze Reihe von Ausgrabungen in derartigen Gräberfeldern gegeben hat, können bis zu 300 Gräber auf kleineren aber auch größeren Arealen vereinen. Hier westlich der Offenbacher Straße hatte man jedoch überhaupt nicht mit einem derartigen Fund gerechnet, war doch bereits in den Jahren 1999 und 2000 östlich der Straße im damaligen Neubaugebiet „Auf der Stirn“ ein fränkisches Gräberfeld mit 118 Bestattungen freigelegt und archäologisch dokumentiert worden. Aufgrund der Verteilung der Gräber in diesem ersten fränkischen Gräberfeld musste man davon ausgehen, dass die Nordwestgrenze des Friedhofes – als einzige vermeintliche Grenze des Gräberfeldes – gut erfasst worden war, da sich hier ein breiter Streifen ohne jegliche Gräber an der Offenbacher Landstraße entlangzog.
Umso größer war natürlich die Überraschung angesichts der potentiellen 40 Grabgruben westlich der Straße, die sich in den Trassen so verteilen, dass in den östlichen zwei Dritteln des Bauabschnittes I, der gerade in Angriff genommen worden war, auch in den zwischen den Erschließungstrassen liegenden Bauplätzen zahlreiche weitere Gräber zu vermuten sind. Sofort wurden mit der Verfasserin als zuständiger archäologischer Gebietsreferentin für den Kreis Südliche Weinstraße vor Ort die Planungen für eine akute Notausgrabung der Merowingergräber gestartet. Bereits nach zwei Tagen waren alle Befunde in den Trassen vermessen und in einen digitalen Plan aufgenommen, auch die Kostenberechnung für die Ausgrabung der Erschließungstrassen konnte auf dieser Grundlage bald mit maximal 50 000 € beziffert werden. Aus dem Grabungsplan (Abb. 1) war schnell ersichtlich, dass der vermutete längere Baustopp für die Kanalbaufirma nicht eintreten würde – in den westlichen Trassenbereichen konnten keine Gräber festgestellt werden (Abb. 2), so dass hier im Einvernehmen mit der GDKE – Speyer sofort mit den Kanalbauarbeiten begonnen werden konnte. Die Kommunikation zwischen der Grabungsleitung vor Ort und den Baufirmen für Kanal- und Straßenbau war von Anfang an sehr offen und intensiv. Es wurde umgehend festgestellt, welche Bereiche der mit Gräbern gefüllten Trassen für den Arbeitsfortgang der Kanalbauer am schnellsten archäologisch untersucht werden müssten und dementsprechend richteten die Archäologen ihr Augenmerk zuerst auf den eng mit Gräbern besetzten Trassenabschnitt, der östlich auf die Offenbacher Straße mündet (Abb. 3). Auf der Grundlage dieses Areals von 600 m², in dem insgesamt 20 Gräber liegen, wurde von der wissenschaftlichen Leiterin der Ausgrabungen eine Gesamtkosten- und Zeitkalkulation für die Bauplatzflächen (ca. 9000 m²) aufgestellt und die maximale Grabungszeit mit 20 Monaten beziffert. Diese Kalkulation geht von der Grundlage aus, dass der schlechteste Fall eintritt und überall auf den Bauplätzen eine sehr dichte Belegung mit Gräbern vorgefunden werden würde. Angesichts der eher weitgestreut liegenden Grabgruben im nördlichen Trassenabschnitt wird dies wahrscheinlich eher nicht zutreffen – aber der Archäologe kann ja leider nicht in den Boden schauen und ist daher gezwungen, eine „worst-case“-Berechnung durchzuführen, um evtl. Überraschungen im Grabungsverlauf (sehr reich ausgestattete Gräber, komplexe Grabeinbauten, sehr hohe Gräberzahlen) aufzufangen, damit nicht ggf. Kosten –und Zeitengpässe auftreten. Da nur die tatsächlich anfallenden Grabungkosten auch abgerechnet werden, hat eine Vorab-Finanzkalkulation hauptsächlich die Funktion, einen maximalen Kostenrahmen abzustecken, der den Kostenträgern die Sicherheit gibt, keine weiteren Zahlungen über die maximal berechneten Kosten hinweg leisten zu müssen.

Die Grabungsmannschaft, die von der wissenschaftlichen Leitung sorgfältig nach größtmöglicher Erfahrung und Grabungskenntnissen ausgewählt wurde, um einen zügigen Fortgang  und reibungslosen Grabungsablauf gewährleisten zu können, hat in den ersten fünf Wochen (wovon eine Woche aufgrund von Feier- und Brückentagen abzuziehen ist) ganz ausgezeichnete und zügige Arbeit geleistet, so dass die Bilanz nach vier Wochen reiner Grabungszeit sich auf 19 Gräber beläuft – das sind pro Woche 4,75 Gräber, also fast doppelt so viel wie üblicherweise angesetzt werden (für die Freilegung, Dokumentation und Bergung eines Grabes werden – ein Erfahrungswert aus anderen vergleichbaren Ausgrabungen – für eine Kalkulation in der Regel 2 Tage angesetzt, h. für 4,75 Gräber würden normalerweise 9,5 Tage kalkuliert). Damit liegen wir ganz hervorragend im Zeitplan, da für die Trassen insgesamt 3 Monate kalkuliert wurden. Nachdem alle Befunde noch einmal von Hand geputzt und in genauen Augenschein genommen worden waren, verringerte sich die Zahl der ganz in der Trasse liegenden Gräber auf 31 (die übrigen Befunde stellten sich als vorgeschichtliche Siedlungsgruben oder moderne Rübenmieten heraus). Dazu kommen allerdings im Rahmen der Trassenfreimachung jetzt noch mehrere nur halb in der Trasse erfasste Gräber sowie alle potentiellen Gräber in den Hausanschlüssen. Letztere müssen von der Kanalbaufirma noch freigebaggert werden, damit wir feststellen können, ob – und wenn ja wie viele – Gräber hier im Vorfeld der Straßenfertigstellung noch bearbeitet werden müssen. Wir gehen aber davon aus, dass wir innerhalb der 3 Monate alle noch in Hausanschlüssen ggf. auftretenden Gräber fertig bearbeiten und die Knochen und Funde entnehmen werden können. Insgesamt ist bis jetzt eine tatsächliche Verzögerung der Bauarbeiten in den Trassen von nur 2 Tagen angefallen. Da die Kanalbaufirma jetzt erst einmal einige Wochen Urlaub macht (dieser hängt nicht mit den Grabungsarbeiten zusammen, sondern war vor Baubeginn bereits eingeplant worden), gewinnen wir weitere Zeit, für die Kanalarbeiten die noch zu bearbeitenden Trassenteile zügig freizumachen.

Nachdem die Hausanschlüsse untersucht sind, werden von unserer Seite die Arbeiten in der Trasse abgeschlossen sein und wir werden, während die Kanalbau- und Straßenbaufirmen die Erschließungstrassen ohne Verzug bearbeiten können, direkt an die ersten Schnitte in den Baugrundstücken gehen. Nach der Vorplanung (Abb. 4) werden wir im Norden des Baugebietes, von Grundstück 2200/9 aus nach Osten, die Grundstücke bis einschließlich Bauplatz 2200/5 in Angriff nehmen. Diese werden in durchgehenden Streifen von ca. 10 m Breite (Streifen von West nach Ost verlaufend) vom Oberboden befreit (Baggereinsatz), dann untersucht, danach wieder verfüllt und dann folgt der nächste Streifen (dieser wird bereits abgebaggert, während wir noch an den letzten Gräbern des ersten Areals arbeiten, damit keinerlei Zeitverzögerung auftritt.

Für die Grundstücke Nr. 2200/10 bis 2200/13 außerhalb der Trasse im Norden gilt, da wir in der südlich an diese Bauplätze anschließenden Trasse keine Gräber entdeckt haben, folgende Regelung: Sechs Wochen vor dem eigentlich geplanten Hausbaubeginn müssen die Kellerflächen der Häuser vom Oberboden befreit werden (Bagger mit Böschungslöffel, Aufsicht durch Grabungsmitarbeiter, vorherige Absprache mit Grabungsleitung). Sollten dann in der Kellerfläche Gräber vorhanden sein, so werden diese vorgezogen von einem Teil des Grabungsteams sofort untersucht und dokumentiert. Sollten keine Gräber in der Kellerfläche liegen, so werden die Bauplätze unverzüglich zur Bebauung freigegeben. Sind Gräber vorhanden, so ist ja die Vorabspanne bis zum geplanten Baubeginn von sechs Wochen vorhanden, um diese auszugraben und so keine Verzögerung im Bauablauf hervorzurufen. Nach Ausgrabung potentieller Gräber werden auch diese Bauplätze sofort zur Bebauung freigegeben. Das gilt im übrigen für jeden Bauplatz, auf dem die archäologischen Untersuchungen jeweils abgeschlossen sind, unabhängig davon, ob – in den randlichen Bereichen, wo in den Trassen keine Gräber waren – nur die Keller oder das gesamte Grundstück untersucht worden ist.
Damit dürfte die allgemeine Befürchtung der Bauherren, ihre individuelle Bauplanung könne sich um viele Monate verschieben, weitgehend unbegründet sein. Natürlich kann es in einzelnen Fällen zu einer Verzögerung kommen, aber wir werden uns selbstverständlich bemühen, diese so minimal wie möglich zu halten.

Abschließend einige Informationen zu den bisherigen Ergebnissen: Von den 20 Gräbern war etwa die Hälfte „beraubt“, d.h., man hatte aus den Gräbern nach nicht allzu langer Zeit die Beigaben – zumindest die aus Metall – wieder herausgeholt. Dennoch fand sich in einem stark gestörten Grab ein sehr schönes, fein verziertes und ganz erhaltenes Keramikgefäß (Abb. 5). Drei ungestörte Gräber enthielten je ein Eisenschwert (Abb. 6) – es dürfte sich also wahrscheinlich um Männerbestattungen handeln. Besonders reich ausgestattet war das Grab eines Kindes, den Beigaben nach zu urteilen, wohl eines Mädchens. Im Halsbereich lagen zahlreiche kleine Perlen, die wohl ursprünglich dem Kind als Kette um den Hals gelegt worden waren (Abb. 7). Neben dem – ziemlich gestörten (die Knochen lagen nicht mehr im Verband) Skelett fand sich ein fein gearbeiteter Knochenkamm, der allerdings stark zerbrochen war und mit größter Vorsicht geborgen werden musste. Das Kind hatte außerdem an seiner Kette einen äußerst fein ziselierten runden Anhänger (den wir anfangs fälschlich für eine Münze hielten, bis er ganz aus dem Boden entnommen war [Abb. 8]…). Außerdem fand sich eine bronzene Gürtelschnalle sowie mehrere zungenförmige Gürtelbesätze im Bereich der Hüfte des Mädchens (Abb. 9).
Ebenfalls ein sehr interessanter Befund ist „der größte Mann von Insheim“, ein männliches, für Merowingerverhältnisse außergewöhnlich großes (wohl über 1,80 m groß) Individuum mit auffällig starkem Knochenbau und sehr ausgeprägten Muskelansatzstellen. Männer dieser Größe sind sehr ungewöhnlich für die Merowingerzeit; dieser Mann dürfte im wahrsten Sinne des Wortes seine Mitmenschen weit überragt haben.
Festzustellen war an zwei Gräbern eine zeitliche Abfolge, da die Grabgrube des einen die des anderen Bestatteten überschnitt (Abb. 10). Eine so enge Lage ist ebenfalls ein ungewöhnliches Detail in fränkischen Friedhöfen.
Beim Grabbau ließ sich – trotz Minibaggereinsatz – eine Vielfalt von Baudetails beobachten, die aber erst genau beschrieben werden können, wenn die Befunde gezeichnet sind (dies wird aus Zeitgründen nicht auf der Grabung gemacht, sondern erfolgt mit Hilfe entzerrter Fotos erst, wenn die Feldarbeit beendet ist – allerdings gehören Grabungszeichnungen grundsätzlich zur archäologiegerechten Dokumentation jeder Grabung, so dass mehrere Monate Bearbeitungszeit nach der Feldarbeit auch in die Kostenkalkulation mit eingehen mussten).

Bereits nach der relativ kurzen Grabungszeit lässt sich also festhalten, dass das Gräberfeld „Ober den Baumgärten“ sehr interessante neue Informationen zu den frühen Siedlern von Insheim, aber auch für die Merowingerzeit überörtlich erbracht hat und wir noch mit einer Reihe hochinteressanter Befunde rechnen dürfen.

Speyer, 12.06.2012            Andrea Zeeb-Lanz
 

Verziertes Keramikgefäß in situ in einem stark gestörten Grab.
Detail: Einige der Perlen (rote Pfeile) im Halsbereich der Bestattung eines weiblichen Kindes.
Der fein gearbeitete Anhänger steckt noch halb im Boden und sieht einer Münze noch sehr ähnlich, entpuppte sich aber dann als Schmuckstück.
Gürtelschnalle, Beschlag und zungenförmiger Gürtelanhang aus Bronze aus dem Mädchengrab.
Zwei sich leicht überschneidende Gräber, die keine Beigaben enthielten.